Ich les' mich gern schreiben

Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

BLOGTOBER Do it yourself-Blog: Sei immer du selbst - Außer du kannst ein Einhorn sein

Wie bereits angekündigt möchte ich den Blogtober nutzen, um in die verschiedenen Blogger-Nischen zu schnuppern. Letzte Woche atmeten Sarah, unsere Einteiler und ich die glamouröse Luft der Modewelt (Hier klicken). Diese Woche wird es nicht weniger bodenständig. Für mich als passionierte Werken-Lehrerin ist ein DIY (zu deutsch: mach's dir selbst)-Beitrag mehr Kür als Pflicht... 

Die Idee zur Bastelei entstand wie folgt: Vor einigen Jahren plante mein Freundeskreis einen gemeinsamen Kochabend unter dem Motto "Men cook for Schlampen", quasi eine Verschmelzung von Mottoparty und Fressgelage. Die Idee dahinter: die Männer sollten für uns Frauen kochen, zur Belohnung wollten wir uns etwas sehr nuttiges anziehen. Dass sich die Männer daraufhin kleideten wie Zuhälter war anfangs nicht Teil des Plans, rundete die Sache aber letztlich genial ab. Jedenfalls brauchten wir Frauen eine kreative Beschäftigung am Küchentisch, die es uns erlaubte Zeit tot zu schlagen und gleichzeitig den Kochlöffel schwingenden Männern mit unserer bezaubernden Anwesenheit einen Dienst zu erweisen. Was liegt also näher als gemeinsam Einhorn-Hörner zu basteln...

Ihr braucht:
Am wichtigsten: einen Pappteller, Lineal, Tacker, Schere und Gummiband
Was sonst noch nützlich ist: Alleskleber, Nagelschere und Dekogedöns (Farbstifte, Glitzersteinchen, Biegeplüsch, Kunstblumen, Goldspray, Dekospitze what ever ... eben was die Gerümpelschublade so her gibt. Nagellack wäre zum Beispiel auch denkbar. Übrigens könnte eine Heißklebepistole bei manchen Schritten sehr hilfreich sein. Unsere ist aber seit dem Umbau verschwunden.)

Schritt 1

Teilt den Pappteller mit Lineal und Bleistift in vier gleiche Teile. Ihr müsst dabei nicht den Mittelpunkt bestimmen und auch mit dem Geodreieck keine Senkrechte konstruieren. Pi mal Daumen reicht völlig. Solange euer Daumen der Daumennorm entspricht. 

Schritt 2
Schneide den Pappteller an den entstandenen Linien in vier Teile. Ja, genau. Gut erkannt. Es entstehen gleich vier Hörner. Eins für dich und drei für deine Freundinnen. Du hast keine? Nicht schlimm. Im Gegensatz zu Freundinnen kann man von Hörnern nie genug haben.

Schritt 3
Jetzt kommt der wahrscheinlich kniffligste Schritt. Hier darfst du kein Feinmotorik-Legastheniker sein. Hilfreich sind eine linke und eine rechte Hand. An jeder Hand sollte sich höchstens ein Daumen befinden.
Falte die Teile so, dass die entstandenen Schnittkanten sich leicht überlappen. Die Seite des Tellers, auf welcher normalerweise Bratwurst und Kartoffelsalat landen, zeigt dabei nach außen. 
Das braucht vermutlich etwas Zeit, da die Pappe gerade zur Spitze hin etwas geschmeidig werden muss. Schwitzige Hände sind dabei von Vorteil. 
Wenn beide Kanten akzeptabel aufeinander liegen fixierst du mit dem Tacker. Kleber ist an dieser Stelle völlig unbrauchbar. Der Gebrauch der Heißklebepistole wäre hier ebenfalls nicht zielführend.

Schritt 4

Wichtig: wenn du dein Horn bemalen willst, dann solltest du das vor dem Tackern tun. Du kannst Textmarker, Wachsmalstifte, Plakatfarben oder weiß der Geier was verwenden.

Bild 1

Bild 2
Bild 1: Sprühfarbe kann auch nach dem Tackern aufgetragen werden. Ich habe Gold genommen. Neben dem Horn glitzern jetzt auch meine Nägel, der Küchentisch und mein Handy. 
Bild 2: Beschichtungen können ebenfalls nach dem Tackern vorgenommen werden. Dafür aber vor dem Tackern die Pappe als Schablone nutzen. Hier habe ich schwarzes Kunstleder verwendet und großzügig mit Alleskleber bestrichen.

Schritt 5 
Es geht ans Verzieren. Den Möglichkeiten sind hier nur durch die Größe deiner Phantasie und des heimischen Bastelequipments Grenzen gesetzt. Hier klebe ich Mini-Glitzersternchen auf winzige Alleskleber-Punkte.
Biegeplüsch sorgt für einhörnige Haptik und einen zauberhaftIGEN 3D-Effekt. Dafür an der Spitze beginnen (Ende nach innen schieben) und eng am Horn nach unten wickeln. Unten ebenfalls nach innen biegen und wieder mit dem Tacker fixieren. Hält jedem Kampf unter Alpha-Einhörnern stand. 


Mein wunderschönes Zirkushorn. Neben der Dekospitze am Fuß sorgen Stoffschichten einer Kunstblume und ein Mini-Plastikpenis für den märchenhaften Touch. 
Wichtig: Für die Herstellung dieses Horns musste kein Penisstrohhalm sterben. Der Plastikpenis war ein Überbleibsel aus einer längst verjährten Bastelaktion, bei der ich für ein Brettspiel Mini-Penisse aus Gips goß.
Zum Befestigen des Penisses auf der Hornspitze wäre eine Heißklebepistole das geeignetste Hilfsmittel. Ich habe in Ermangelung dieser einfach Alleskleber verwendet. Ebenso wie zum Anbringen der Spitze und Blütenblätter. Die Trockenzeit verschafft mir eine Prosecco-Pause.

Schritt 6
Wir wollen weder den Kleber auf Hautverträglichkeit testen, noch den Tacker erneut bemühen. Daher benötigen wir, um das Horn auch tragen zu können, einen Gummi, der unser Haupt sicher aber sanft umschließt. Messt das vorher ab. Bei mir waren es etwa 45cm (rechnet die Enden großzügig, ihr müsst auch Knoten machen können). Hirnemoblie und dauerhafte Horndruckstellen sind etwas unschönes. Die Löcher lassen sich am besten mit der Nagelschere reinpopeln. Verletzt euch dabei nicht. Wer professioneller ausgestattet ist, nimmt eine Lochzange. Und kommt mir nicht mit Lochern. Hab ich getestet. Der passt nicht so weit ins Horn.

Wie ihr seht habe ich an dem Korkenzieher-Biegeplüsch-Horn unten noch Blütenblätter angebracht, NACHDEM der Gummi dran war. Auch hier wäre eine Heißklebepistole nützlich gewesen. Entstanden sind nun vier ganz unterschiedliche Hörner - ein Horn für jede Gelegenheit. Und jedes für sich ganz unfassbar zauberhaftIG.
 
Modell: UniCORNversum - party- und freizeittauglich



Modell: Fake-Flausch - Dezent und sehr detailverliebt ist dieses Horn mit seiner Nähe zum Original und seiner schlichten Eleganz praktisch zu jeder Gelegenheit tragbar. Bei toleranten Vorgesetzten sogar im Job.

Modell: UniDOM - glänzendes schwarzes Kunstleder und ein spartanischer Hauch von Nichts. Gekonnt kombiniert ist dieses Horn tragbar sowohl zu offiziellen Anlässen als auch im Dunkel eines Kerkers. Vor oder am Pranger.

Zu guter Letzt -mein heimliches Lieblingsstück Modell: Cirque dù pènis - die FSK18-Kreation. Egal wo du es trägst - du wirst auffallen. Nur was für ganz Mutige.
Dass sich diese Hörner übrigens hervorragend zum Dekorieren von Haustieren eignen, siehst du wenn du hier klickst.


Hui. Auch das hat wieder mal sehr viel Laune gemacht. Ich wünsch euch viel Spaß beim Nachbasteln und erwarte eure Resultate via Nachrichtendienst. Keine Sorge. Gibt keine Noten drauf. Das hier ist ja sowas wie ein GTA, da brauchts keine Leistungsbewertung. Was die letzten Fotos angeht: ich hab mich für euch sehr gerne zum Vollhorst gemacht! Übrigens habe ich die Penis-Variante nur erfunden, um ganz sicher zu gehen, dass dieses Tutorial NICHT auf Mütterseiten geteilt wird.
Un nu husch, zieht die Heißklebepistole
aus der Steckdose, schraubt den Leim zu, 
friemelt die Tackernadeln aus euren Haaren

Mittwoch, 4. Oktober 2017

BLOGTOBER Fashionblog: Home is were your Einteiler is


Im Rahmen des Blogtobers, eines Monatsthemas zu Ehren meines einjährigen Blog-Jubiläums habe ich mir vorgenommen wöchentlich in eine der Nischen ernsthaften Bloggens hinein zu schnuppern. Wir beginnen mit Fashion - DEM Ladysthema. Das wollte ich schon immer mal machen. Außerdem sind Ferien. Da versuch ich doch gerne mal was ganz unlehrerhaftes...
 
Wie der Einteiler in mein Leben trat
Es war ein sehr heißer Sommertag, gut und gerne 36 Grad, an dem Sarah und ich mit dem Primärziel Geld auszugeben und dem sekundären Auftrag, uns möglichst knappe Zweiteiler für den bevorstehenden Erwachsenenurlaub  zu kaufen, in die nächst größere Kleinstadt gurkten.

Im Eingangsbereich des Ladengeschäfts für Unterwäsche mit einer Tragedauer von 16 Stunden bis 16 Minuten stießen wir auf einen dieser Drehständer mit den vier großen Buchstaben auf Augenhöhe. Daran hängend: irgendwas flauschiges, viel Plüsch, rosa Leopardenmuster und – oh mein Gott – Ohren! Sarah schnappte sich eines der Teile, hielt es demonstrativ vor ihren Körper, der auf Grund der Witterung nur mit Shorts und ein einem Tanktop bekleidet war und witzelte verschwörerisch: 
„Lass uns die Teile anziehen und den Männern ein Foto schicken.“
– „Bist du bescheuert? Ich schwitz schon wenn ich das Ding nur anfasse!“ 
Und schon hing der ausgeweidete Gender-Leo wieder an seinem trostlosen Metallkarussell.

Man besann sich in aller Vernunft auf seinen Arbeitsauftrag, kaufte wie viel zu oft viel zu wenig Stoff für viel zu viel Geld und machte sich auf den Heimweg. Zehn Kilometer vor Erreichen des Heimathafens ereignete sich folgender Dialog:

Sarah: „Diese Leodinger da, die Einteiler… . Die waren schon irgendwie geil."
Ich: „Hm. Trägt sich sicher toll. So auf dem Sofa, sonntags. Oder abends auf der Terrasse, wenn’s frisch wird.“
Sarah: „Hm. Jaaa, oder im Urlaub.“
Ich: „Ich glaub die Männer bedanken sich, wenn wir mit den Dingern rum laufen.“
Sarah: „Glaub ich auch. Marco zeigt mir nen Vogel.“
Ich: „Der Herr Müller hat schon mal gesagt, dass der auch so’n Strampler will. Da hab ich ihn ausgelacht…“

Und so weiter – typisch weibliche Konsum-Argumentationskette, wie sie sich täglich tausendfach auf dieser Welt ereignet. 
Nein, wir kehrten nicht um und hüllten unsere Alabasterkörper noch am selben Sommerabend bei 17 Grad auf dem Terrassensofa in 100% feinstes Polyester mit dem Prädikat „Keep away from fire“. Allerdings nahm ich noch an diesem Nachmittag das Telefon in die Hand, um Sarah und mir mit Hilfe der freundlichen Servicemitarbeiterin am anderen Ende zwei dieser stoffgewordenen Wellnessoasen in Größe M zu sichern. 
„Naja“, sagte sie, „das geht nicht so einfach. Die sind im SALE. Das dürfen wir nicht reservieren. Aber wann sind sie wieder im Laden? In zwei Tagen? Wir haben noch einige da. Ich glaube nicht, dass die bis dahin alle weg sind. Die werden nicht so oft gekauft.“
'Warum eigentlich?' dachte ich und träumte die nächsten 48 Stunden Tag und Nacht von rosa Leopardenfell, das mich einhüllt, morgens nach dem Aufstehen, nur wenige Minuten nach dem täglichen Eintreffen zu Hause und an Wochenenden ganztägig. Bei meiner Rückkehr in den Wäscheladen fühlten sich die letzten Meter bis zum Ziel an, wie Usain Bolts Zieleinlauf vor dem Weltrekord. Ein gekonnter Griff und die erste Größe M konnte mir keine raffgierige Kurzentschlossene mehr entreißen. Mit nervösen Fingern suchte ich den Zwilling. S, L, XL … alles da. Nur keine weitere M. So ungefähr muss es sich anfühlen, wenn kurz vor dem Lotto-Sechser die letzte Zahl nur um eins größer oder kleiner ist. 
An der Kasse kräuselt die viel zu nette Frau mit dem perfekten Make-up ihre Augenbrauen. „Ja, da sind einige gekauft worden. Ich schau mal ins Lager.“ (Auf den Gedanken, dass ich übers Telefon vom ITI -Institut of Trend Investigation abgehört werde und es so zum sprunghaften Anstieg des Einteiler-Absatzes binnen zwei Tagen kam, bin ich erst später gekommen. Ich hab mir ein neues Telefon gekauft. Jetzt bin ich schneller als das ITI. Ich hab Facebook. Und Penisstrohhalme.) 

Sie klapperte auf ihren Absätzen über das Gewerbelaminat davon und war eine gefühlte Weltreise lang verschwunden. Als sie mit einem rosafarbenen Plüschknäul hinter einem Vorhang heraustrat konnte man meinen Herzensstein fallen und die Einteiler glücklich lachen hören. Noch am selben Abend weihten Sarah und ich die Errungenschaft unter den skeptisch bis neidischen Blicken der Männer auf dem Sofa ein…

Seither sind die Einteiler – oder neudeutsch auch Onesies genannt – aus unserem Leben nicht mehr weg zu denken. Die Kinder in die Schule fahren, ein schneller Katzenfutter-Einkauf, Sommerpartys, die am Abend viel zu schnell abkühlen... Sarah ist im Einteiler unter der Bewunderung der Stewardessen von Flying Emirates sogar bis nach Thailand geflogen.

Einteiler sind das kleine Schwarze des Sofas 
und das Schneckenhäuschen des Kosmopoliten. 
Home is were your Einteiler is.



Plüsch-Pädagogen: Es miaut im Gemäuer
Die Indoor-Bilder entstanden im gleichen Gebäude wie mein Abitur. Bemerkenswert, wie ich finde. Wer hätte gedacht, dass ich einst auf dem selben Parkett vor einer Kamera im Strampelanzug für meinen Blog posieren würde, auf dem fast zwanzig Jahre früher die Lehrerin meines Deutsch-Leistungskurses, von uns Bea bin Laden genannt, selbstbewusste Schülerpersönlichkeiten seelisch demontierte...





















Das Wandeln auf den Spuren antiquierten pädagogischen Wirkens brachte mich übrigens neuerlich zu einer Grundsatzdiskussion, welche ich allmorgendlich beim Ankleiden mit mir selbst führe: Welche Folgen hätte es wohl, wenn ich im Einteiler zur Arbeit ginge? Und vor allem: Stehen Nutzen und "Kosten" in einem akzeptablen Verhältnis?
Vernünftiges Schuhwerk, sinnvoll, praktisch und elegant zu kombinieren. Die Adilette in Verbindung mit farbenfrohen Socken ist logische Konsequenz, sofern es die Luftfeuchtigkeit erlaubt. Insgesamt ist der Einteiler äußerst kombifreundlich und passt sich ähnlich einem Chamäleon den zur Seite gestellten Accessoires an.
















Ausgewilderte Raubkatzen: Hüte dich vor Birkenwäldchen 
 Indoor wie Outdoor ist der Einteiler perfekter BeKleiDer. Besonders für die Jahreszeiten, für die Männer häufig überhaupt keine Garderobe besitzen und Frauen auf der sagenumwobenen Suche nach der ominösen Übergangsjacke sind. Die Lücke im Kleiderschrank schließt der Strampelanzug in Erwachsenengröße.
Outdoor gilt es mit stilvollen Hüten und Brillen Akzente zu setzen. Hübsch und praktisch zu gleich schützen sie Hirn und Haar vor schädlichen Einflüssen (Alu-Innenfutter der Hüte nicht mit im Bild), das Augenlicht vor UV-Strahlung und je nach Größe und Tönung der Gläser den eigenen Blick vor den Blicken der Anderen. 



















Ob im urbanen Großstadtdschungel oder im ländlichen Kleinstadtrandidyll: Einteiler machen eine gute Figur und sind durchaus abenteuertauglich. Voraussetzung ist das passende Schuhwerk. Während auf furztrockendem Asphalt den Badeschlappen definitiv der Vorzug zu geben ist, eignet sich für einen Ausflug ins Gelände eher festes Schuhwerk. Hier im Bild: Keilabsatz-Sneakers in dezentem Silber oder mit elegantem Strasssteinbesatz. Erdreichnahe Extravaganz.

Zipperdetail...

















Und wer behauptet jetzt, dass Einteiler nicht sexy sein können? Denkt immer ans Geschenkpapier. Es kann noch so hübsch sein, wenn es in seinem Inneren nur einen Holzklotz beherrberg, verfliegt die Freude des Beschenkten im Nu.

Models: Sarah Satisfaction und Miss Müller (ich wollte schon immer mal was mit Aliterationen machen, ich fühle mich gerade wie Vera Int-Veen)
Fotograf: Herr Müller vom Fotostudio "Ahnungslos"
Location: es war keine Raststätte!
Haare und Make-up: was in meinem Bad halt so rumlag 


Das hat Spaß gemacht. Ich hoffe euch auch ein bisschen. Nächste Woche gibt es an dieser Stelle als Blogtoberpost ein fabelhaftes DIY. Schleift schon mal eure Bastelscheren...

Dort gibt's zwar keine Links
zum Nachkaufen aber jede Menge
anderes unnützes Zeug. 

Mittwoch, 27. September 2017

Ein Jahresrückblick ohne Günther Jauch – ReFlexionen einer Kuckuckslehrerin



Es ist so weit. Frau Müller feiert einjähriges Blogbestehen. Was passiert jetzt? Eine Festwoche? Gewinnspiele? Ein Fanshop? Kollektives Ausrasten? Nichts dergleichen. Ich brauche keine Festivitäten um zu feiern. Aber manche Festivitäten brauchen eine Feier. Und manche eben nicht. Ob das Befüttern eines Blogs über die Dauer eines Jahres eine Feier braucht, vermag ich allerdings nicht einzuschätzen. 

  
Plusquamperfekt  - Ich hatte gebloggt (hatte ich aber eigentlich noch nie)

Am Anfang war die kreative Energie, die irgendwie in mehr als nur viel zu langen WhatsApp-Nachrichten umgesetzt werden musste. Dem gegenüber stand das gefährliche Halbwissen um Menschen, die im Internet irgendwie irgendwas schreiben. Ich hätte googlen oder mich durch die Blogosphäre lesen können. Tat ich aber nicht. Warum auch. Ich wollte doch schreiben, nicht lesen.

Außerdem war da eine rund 15 Jahre alte Abi-Zeitung, welche ich zwar zu nicht unerheblichen Teilen selbst geschrieben hatte, die allerdings dennoch viele Lügen über mich propagierte (von wegen ich bin arrogant und kann nicht einparken, pahh!). Diese prophezeite, auf Basis einer natürlich völlig unvoreingenommenen anonymen Befragung meiner Jahrgangskameraden, dass ich später einmal potentielle Besitzerin einer eigenen Fernsehshow werden würde. Gedanken sind da um weitergesponnen zu werden, meinem Größenwahn und den seherischen Fähigkeiten meiner damaligen Mitschüler sei Dank. Die Kulisse von Wahre Liebe auf einem Sendeplatz bei ARTE und ich mittendrin. So in etwa. 

Seit dem Untergang des Qualitätsformats „Talkshow“ in den 90ern allerdings, verliert Fernsehen an Substanz. Galileo erklärte in seinen Anfängen vorabendtauglich wie Faradays Käfig funktioniert – heute schauen bildungshungrige Acht- bis Achtzigjährige Jumbo Schreiner beim Schnitzel essen zu. Also was soll ich im Fernsehen… Potential verschwenden 2.0.

Kein Plan also, nur eine Idee. Und immer wieder Menschen, die mir zuhörten und meinten ich müsste das unbedingt mal aufschreiben. Hab ich dann gemacht. Für die Festplatte erstmal. Und für mich, ihr wisst schon: sich gerne schreiben lesen. Und ich tat es für Sarahs Kunden, die die analoge Papierversion samt Tippfehlern im Plastikschnellhefter vor dem Hintergrund meiner Anonymität auf Breitentauglichkeit prüften und für gut bekloppt befanden.


Perfekt - Ich habe gebloggt (zum allerersten mal)

Zum Glück funktioniert Blog bauen so ähnlich wie das Einrichten eines Hauses damals bei SIMS. Herr Müller, der Halb-IT-Experte hatte nämlich keine Zeit. Eigentlich auch egal. Dann mach ich‘s eben selbst. Natürliche Blog-Geburt aus eigenen Kräften. Kein Kaiserschnitt. Und weil ich zwar mein zeichnerisches Alter-Ego gedanklich erfinden konnte, sich aber meine Fähigkeiten im Umgang mit Grafiksoftware in etwa auf Hauptschüler-Niveau bewegen, übernahm das eine befreundete Berufsgrafikerin dankenswerter Weise für mich und gebar eine Version meiner selbst aus Primärfarben, die treffender nicht hätte sein können.

Wenig später veröffentlichte ich den ersten Artikel und musste feststellen, dass gar nichts passiert. Noch nicht mal eine einzige Email eines euphorischen Verlegers, der alle meine ungeschriebenen Bücher kaufen will und mir einen unverschämt unrealistischen Vorschuss bietet, geschweige denn ein Stalker oder sonst irgendwer. Wer soll auch wissen, dass ich an irgendeinem Baum X in der Taiga rumstehe und dort auf Besucher mit Kaffee und Kuchen lauere, wenn ich niemandem sage, dass ich dort warte und vor allem wo.

„Mach Social Media“ schrie es sogleich aus allen Ecken. Was jetzt kam war die eigentliche Überwindung. So als müsste der Arachnophobiker endlich seine Angst überwinden um in das geerbte Baumhaus im südamerikanischen Regenwald einziehen zu können. Und so legte ich mir einen Facebook-Account an, learnte by doing und entwickelte mich vom Analphabeten sozialer Medien zumindest zu einem Legastheniker. Teilleistungsschwäche Sozialmedien-Marketing. Ich fordere Nachteilsausgleich.


Präteritum - Ich bloggte (das schreibt kein Schwein so)

Ich beneide noch heute viele Blogger darum, dass sie aus ihrer wahren Identität kein Geheimnis machen müssen. Was muss ich euch für herrlich bescheuerte Bilder manchmal leider vorenthalten. Den Anonymitätskritikern sei gesagt: meine Artikel wären nicht halb so ehrlich und vor allem oft auch sehr privat, wenn ich Gesicht zeigen würde. Ist doch nicht so schwer zu verstehen, dass mir etwas unwohl bei dem Gedanken wird, auf Eltern und halb erwachsene Schüler zu treffen, die wissen, dass ich mit meiner besten Freundin im Bett manchmal den Ehemann tausche? (Übrigens kann man mir für mehr Bildmaterial auch auf Instagram folgen. Bei kuckuckseiimlehrerzimmer gibt es allerdings überwiegend Bilder von Dingen, die kurz davor stehen, meinen oder den Schlund meiner Familie zu passieren oder noch mehr Catcontent.)

Meinen Lesern kann ich allerdings versichern, dass ich auch ohne Gesicht authentisch bin. Die Handvoll Menschen, die wissen wer wirklich hinter Frau Müller steckt und denen ich ein tolles Präteritum zu verdanken habe, würden euch das bestätigen. Sie waren es, die in den Anfängen dank treuem und konsequentem Teilen und Liken immer mehr Menschen erreicht haben, für die Frau Müller nur die boshaft-lustige Sonnenbrillen-Bobfrisur-Lehrerin ist. 
Ich gebe zu, ich habe meine Freunde und Bekannten mit einer unfucking fassbaren Party, finanziert durch ebenso unfucking fassbaren Fame meinerseits, bestochen. Die fand übrigens noch nicht statt. Ich warte noch auf den Fame. Und die Leute auf die Party. Macht also weiter.

Hilfreich dabei, immer mehr Menschen zu erreichen, die in Blogs weniger den Mehrwert als vielmehr die Unterhaltung suchen und im günstigsten Fall die Vorliebe für grenzwertigen Humor teilen, waren natürlich auch die Bloggerkollegen. Ich danke an dieser Stelle allen, die mich verlinkt, geteilt, kommentiert, erwähnt und sonst irgendwie unterstützt haben. Einige ihrer Blogs findet ihr in meiner Blogroll  
Info für Nicht-Blogger: eine Linkliste der Blogs, die ich selbst gerne lese oder einfach empfehle
Diese Liste ist nicht vollständig und wird immer mal wieder erweitert. Wenn sich jemand selbst vermisst, bitte melden. Ich hab schon zweimal den Geburtstag des Herrn Müllers fast vergessen. Ich mach sowas nicht aus Böswilligkeit, ich hab nur manchmal Schaltpausen. Leider gibt’s dafür kein Attest. Erinnert mich einfach dran.

Der ein oder andere Leser hat sicherlich auch durch die Veröffentlichung meines etwas provokanten Textes für die BRIGITTE hier her gefunden. Wobei, eigentlich war hauptsächlich die Überschrift schuld. Und die hat auch noch Sarah höchst persönlich ausgesucht. Ach ja, das BRIGITTE-Gate. Das war lustig. Sowas würde ich gerne mal wieder machen. Sarah und ich nennen uns heute gerne noch gegenseitig miese Drecksschlampen. Den Link zum Artikel gibt’s hier.

Last but not least war da natürlich noch die aus Autorensicht vermutlich größte Errungenschaft meines einjährigen Schaffens. Eine meiner Geschichten, eine von der schlüpfrigen Art, gedruckt und gebunden. Zwischen zwei Buchdeckeln. Ich bin ja selbst ein wenig bibliophil, E-reader sind Teufelswerk und ich empfinde es wie einen Mini-Orgasmus ein gelesenes Buch ins Regal zu stellen. Ein Buch allerdings, an dem man selbst mitgewirkt hat, ins Regal zu stellen, DAS ist dann schon ein Orgasmus der Kategorie Zugspitze. Ovids Erben erschien im Schwarzbuch-Verlag, ist ein Sammelband aus erotischen Kurzgeschichten und kaufen kann man das gute Stück zum Beispiel bei Amazon. Da ist natürlich noch Luft nach oben. Ich stehe im regen Austausch mit Tenzing Norgay und Reinhold Messner. Ein Autorenprofil hab ich ja schon mal.


Präsens - Ich blogge ("Ich roque" fetzt auch. Kennt das jemand?)

Der heutige Post ist der 63.Blogartikel. Im Lehrerzimmer waren knapp 58.000 Personen zu Gast und auf Facebook folgen rund 600 Menschen. Ich habe im vergangenen Jahr jede Woche mindestens einen inhaltlich mehr oder weniger hochwertigen -beachtet bitte meinen intermüllerschen Bewertungsmaßstab von Hochwertigkeit- Artikel veröffentlicht. Einzig in der Woche, welche ich am Krankenhaus-Ballermann verbrachte, blieb es still im Lehrerzimmer. Manche Artikel wurden fast 3000 Mal angeklickt, andere gerade mal ein Zehntel so oft (Das fühlt sich beim Schreiben komisch an, ist das echte Grammatik?).

Zahlen, die mich insgesamt fröhlich stimmen. Und dennoch zum Verständnis: ich brauche diese Zahlen nicht als Masturbationsvorlage oder Selbstwertstimuli. Und dennoch brauche ich sie. Erstens weil jeder, der öffentlich schreibt, für Menschen schreibt und eben nicht behaupten kann, er tut’s nur für sich. Logisch, dass man sich umso mehr freut, je mehr Leser man erreicht. 
Und zweitens – der weitaus wichtigere Aspekt: der überwiegende Teil der Leser folgt passiv aber er folgt. Das ist fein und darf so bleiben. Mein Antrieb (und das ganz ohne Schmalz und Überschwang) sind allerdings die Reaktionen. Eine kleine oder große Diskussion in der Kommentarspalte, in der sich Menschen, die sich nicht kennen, über einen Post austauschen, der meinem Hirn entsprang. Das ist der Ritterinnen-Schlag. Glaubt’s mir. Notfalls mach ich mich für sowas auch unbeliebt und schreib irgendwas über Polygamie und dicke Kinder in Faschingskostümen.


Futur I- Ich werde bloggen (wie Gargamel sagte: Und wenn es das Letzte ist...)

Im kommenden Monat Oktober, sozusagen dem ersten Monat des neuen Blogjahres, wird es wieder einmal ein großes Thema geben. Wir erinnern uns an den Gayzember, den Januar der ganz im Zeichen der „Friends with Benefits“ stand und an den qualvoll-frivolen SchMärz. Im nächsten Monat möchte ich den charmanten Esprit der vielfältigen Blogosphäre versprühen, ihr vielleicht auch etwas mülleresken Glanz verleihen, gleichzeitig selbst einmal hineinschnuppern in die vielen großen und wichtigen Themenbereiche und proppevollen Nischen, mich vielleicht auch vergewissern, dass meine Art zu Bloggen genau die richtige Art für mich ist, verborgene Talente aus mir herauskitzeln und mich ausprobieren. Daher eröffne den BLOGTOBER (nicht meine Erfindung).

Interessiert es wirklich die Masse, wie ich mich in meinem Arbeitsalltag als Lehrer erfolgreich vor derArbeit drücke oder wäre ich womöglich erfolgreicher im Inszenieren eines Fashionblogs, der den Einteiler runter vom Sofa und direkt hinein in die Modewelt holt?

Will jeder meine Bordellbewerbung und die Freakshow auf Vertriebsveranstaltungen lesen oder kommt ein gnadenlos ehrlicher Travelblog mit wunderbar stimmungsvollen Bildern vom anderen Ende der Welt bei den Lesern vielleicht besser an?

Sollte ich aufhören, mich immer wieder öffentlich über Eltern und ihre Macken zu beschweren und stattdessen einen ebenso pfiffigen wie durchdachten Do-It-Yourself-Blog bieten, der Mütter und ihre Kinder gleichermaßen verzaubert?

Ist statt Geschichten aus der Folterkammer und direkt aus der Mitte meiner Vierecksbeziehung ein Foodblog möglicherweise viel leserorientierter und bietet den hochgelobten Mehrwert?

Da fällt mir noch ein: Ein Gastbeitrag unserer schreibenden Domina Frau Schwarz wird übrigens auch dabei sein. 
 
Es kommt also Großes, Spannendes, Neues und Unterhaltsames auf uns zu.  Sag nie „Das ist nichts für mich!“ bevor du es nicht ausprobiert hast. So ging es mir übrigens mit Lasertag, Taekwondo, PoleDance und griechischem Puddingkuchen. Ihr dürft also gespannt sein. Ich bin es auch.


Futur II - Ich werde gebloggt haben (da fällt mir nix zu ein)

Auch wenn man es den Artikeln möglicherweise nicht anmerkt ist gerade in den letzten Wochen das regelmäßige Veröffentlichen für mich eher zur Qual als Freude geworden. Ein paar private und berufliche Veränderungen lassen kaum noch Zeit zum Schreiben aus Spaß an der Freude. Vielmehr fängt man Montags an verzweifelt zu überlegen, was und vor allem wann man für den Mittwoch schreibt. Die Tage zuvor bewegt man sich irgendwo zwischen Lähmung und schlafendem Schweinehund auf dem Sofa. Wobei „bewegt“ nicht wirklich zutreffend ist. 
Dieser Zustand hat mir die Freude am Schreiben ein bisschen vermiest. Und daher muss ich was ändern. Als Königin der Selbstgeißelung - ihr erinnert euch vielleicht an das gelbe Ekelgebräu, das mir zu Beginn des Jahres half in mein unverschämt knappes Faschingskostüm zu passen - hab ich mir selbst den Druck gemacht, der hier nicht hin gehört.

Es wird ab November vermutlich nicht mehr wöchentlich neue Artikel geben, Veröffentlichungstag bleibt aber dennoch der Mittwoch. Da gibt’s dann entweder wie gewohnt frische Gedankenrohkost oder aber etwas Recyceltes – ihr wisst schon, wie Reste-Kochen. Man macht aus dem, was da ist und zu gammeln anfängt irgendwas, bei dem keiner das abgelaufene MHD schmeckt. 

Zu Deutsch: ich krame einen alten Artikel heraus, hübsche ihn bei Bedarf ein wenig auf und versuche ihn noch einmal unter die Leute zu bringen. 

Vielleicht fällt er so Menschen vor die Newsfeed-Füße, die genau diesen einen Blogpost noch nicht kannten, weil sie sich eben noch nicht durch die unendlichen Weiten meiner Geistesleere gekämpft haben. Oder aber ihr macht es wie ich und lest einfach nochmal. Weil’s schön ist. Übrigens bleibt bei Facebook alles beim Alten, hier gibt es weiterhin den Untertitel zu allen Live-Alltags-Absurditäten. Und noch was bietet Beständigkeit: Tippfehler, Kommas und all die anderen charmanten Echtheitszertifikate.

Jetzt hab ich in einem Artikel, der verglichen mit dem Rest meines "Werkes" eher wenig Story aber dafür umso mehr Botschaft besitzt, knapp 1800 Wörter verbastelt. Und ihr habt genauso viele Wörter gelesen. In der Zeit hättet ihr übrigens auch was Interessantes, Informatives oder Lehrreiches lesen können. Und ich hätte etwas ebenso Interessantes, Informatives und Lehrreiches schreiben können. Haben wir aber nicht. Deswegen mag ich bloggen.

An dieser Stelle bitte drei Kreuzchen 
und eine "Frau Müller"-Unterschrift
mit Herzchen an Stelle der Ü-Striche vorstellen. 
Ich weiß nicht wie das geht. 
Bin doch Grafik-Hauptschüler.

So und jetzt rüber zu Facebook 

Damit ihr diese „Unfucking Fame“-Party nicht verpasst.