Ich les' mich gern schreiben

Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 16. August 2017

Mom or not Mom – that’s the Question: 10 Müttersprüche, die Kinderlose hassen!



Dass ich Eltern (und insbesondere Mütter) im Allgemeinen nicht besonders mag – darum habe ich hier im Blog noch nie ein Geheimnis gemacht. Mein Elternhass beschränkt sich nicht nur auf meine Lehrerrolle sondern ist auch in meinem Mutter-Ich verwurzelt. 

Ironie und Übertreibung sind wie immer meine Stilmittel der Wahl. Die Kernaussage bleibt jedoch ganz „unironisch“.

“Früher hätte ich dich verurteilt. Ich hätte dich für eine selbstsüchtige, egozentrische und oberflächliche Person gehalten“ sage ich zu meiner besonderen Freundin Sarah, die mit ihrem Mann Marco überzeugt kinderlos lebt. Sarah schaut mich mit großen Augen an. Früher, das war mein Leben und Denken vor dem Burnout. Ein Leben zwischen Studentinnen der Pädagogik und Erziehungswissenschaften, die beneidenswert galant und glücklich Studium und Wunschmutterschaft vereinbarten, indem sie ihre Kinder in den Seminarpausen wahlweise stillten oder mit Dinkelwaffeln fütterten. Spielplatznachmittage zwischen Sandkasten und Familienratgeber in der Handtasche fürs Parkbank-Amüsement. Das war meine Welt. Hier fühlte ich mich angekommen.

„Das kann man sich bei dir gar nicht vorstellen!“ erwidert Sarah überzeugt. Sarah kennt mich im Heute als Mutter, die ihre Kinder liebend gerne auch mal länger als vom Schlafen gehen bis zum Aufstehen der Oma überlässt und nicht am zweiten Tag sofort in Sehnsuchtsgeheule ausbricht. Erwachsenenurlaube, Kurztrips ohne Kinder und das gute Gefühl, dass wohl alles in Ordnung sein muss, wenn sechs Tage kein Lebenszeichen aus dem Ferienlager kommt  - für mich völlig normal. Kinder am Sonntag bis zum Mittag im Schlafanzug vorm TV, Frühstück direkt aus der Cornflakesschachtel, weil man selbst viel zu verkatert von Samstagnacht ist. Auch das kommt vor. Ein ausgedehntes Hotelfrühstück ohne nervenden Nachwuchs, der statt sitzenzubleiben lieber die Schuhputzmaschine in der Lobby an ihre Grenzen bringen will. Herrlich.

Das Leben ist auch schön und sinnvoll ohne die permanente Anwesenheit indiskreter Spione, die viel zu viele Fragen stellen und Schmutzfinger rund um den Lichtschalter hinterlassen. Und dennoch: Kinder und Kinderliebe scheinen ein gesellschaftlicher Zwang zu sein – man darf sie nicht nicht mögen.  
‚Sie sind unsere Zukunft‘ schreit es aus allen Ecken. Von mir aus, Zukunft, los geht’s. Aber muss ich deswegen alles toll finden, was Kinder tun? 
Ich finde noch nicht mal alles toll, was meine Kinder tun: abends halb elf eine Grundsatzdiskussion anzetteln, Brillen an Bushaltestellen liegen lassen, Zahnbürsten im Klo runterspülen, Einträge vom Lehrer „übertip-exen“, Schuhe auf Nimmerwiedersehen auf dem Fußballplatz vergessen? Nicht toll. Scheiße sogar. Höchstens noch lustig. Wenn die Schuhe nicht all zu teuer waren und kein Handwerker ran muss, um das Klo wieder instand zu setzen.

Und dennoch liebe ich die beiden Müllers und bereue nichts. Aber ist mein Lebensentwurf der Lebensentwurf? Ist eine Biografie nur mit erledigter Fortpflanzung wirklich ernstzunehmen? Wir leben im 21.Jahrhundert! Eine Frau hat ein Recht auf den Verwendungszweck ihres Uterus und Paare müssen heute zum Glück weder verheiratet noch Eltern sein, um eine eigene Wohnung beziehen zu dürfen.
  
Ich hätte mir früher nichts sinnstiftenderes und erfüllenderes vorstellen können als Mutter zu sein. Fast ein bisschen wie religiöser Extremismus. Heute lebe ich nicht nur bezüglich meines etwas offeneren Beziehungskonzepts und meiner Einstellung zu queeren Menschen mehr denn je die oft schon „wund" zitierten Worte Leben und leben lassen. Das Leben ist schön – lasst uns verschieden sein.

Warum nehmen sich viele Mütter in ihrer Rolle so wichtig? Warum glauben sie, ist ihr Lebenssinn der Lebenssinn aller im gebärfähigen Alter? Und vor allem, wenn ihr das schon glaubt, warum müsst ihr wie Missionare durch die Kommentarspalten und Babyshowers dieser Welt ziehen und versuchen, alle mit eurem großen Glück anzustecken? 

Vermutlich wurde dieser Sinneswandel auch durch meine Erfahrungen als Lehrerin an einer Förderschule begünstigt. Ich werde in gut jedem zweiten Elterngespräch mit Personen oder Schicksalen konfrontiert, für die ein kritischerer Umgang mit Reproduktionsfähigkeit durchaus empfehlenswert gewesen wäre. In Deutschland braucht man zum öffentlichen Ausschank von Alkohol und zum Führen bestimmter Hunderassen eine Lizenz. Warum nicht zum Fortpflanzen?

Schließlich denke ich, sind bestimmte Paarkonstellationen einfach nicht für’s Kinderkriegen gemacht. Zwei Menschen, die wunderbar miteinander harmonisieren und dann den verhängnisvollen Fehler begehen, gesellschaftlichen Erwartungen zu unterliegen. Pow. Da ist das Kind. Und puff. Weg ist die Liebe. Weil nämlich pünktlich zum Einzug des kleinen Querulanten das Mächteverhältnis kippt und nicht mehr ihr bestimmt wann ihr esst, schlaft und duscht. Wollten das wirklich beide? Oder wollte es nur sie (oder er) und die Öffentlichkeit, vertreten durch die weinerlichen Stimmen der Verwandtschaft, die nach eine Babyschale gieren, in die sie mit verklärtem Blick reinhusten können. Zumindest einer muss sich für den Traum von der Familie vorübergehend opfern. Es hätte alles so schön sein können, hätte man nur nicht auf die Nachbarn gehört.

Nachbarn sind das Stichwort, stellvertretend auch Omas, Schwiegermütter, Schwestern, Tanten, Freundinnen, Kolleginnen und allen voran natürlich andere Mütter. Sie alle treiben die Kinderlosen nur allzu häufig mit stereotypen Sprüchlein, gerne fein abgestimmt an erhobenem Zeigefinger, in den Wahnsinn. Hier das Best-off und die Antwortvorschläge einer liberalen Mutter, die auch überzeugt kinderlose Frauen respektiert: 


Denk an deine innere Uhr!
Wie schaut es eigentlich mit deiner inneren Uhr aus? Die scheint irgendwie schneller zu ticken seitdem du Mutter bist.
    
Willst du mal halten?
Glückselige Wöchnerinnen fragen dies am liebsten mit verzücktem Lächeln ihre Singlefreundin. Säuglinge sind wie Haie, sie wittern Blut… äh… Ablehnung und fangen in der Regel das Plärren an, wenn man sie trägt wie einen staubigen Ziegel zum Baucontainer. Also am besten antworten mit „Ähm, nein.“ Wenn man dazu nicht mutig genug ist, dann einfach kurz halten und sich sehr ungelenk anstellen. Das Problem erledigt sich so von allein.

Warte erstmal, bis du selbst Kinder hast!
Also auf nie warten? Vielleicht will ich ja gar keine? Deswegen geht es mir aber trotzdem auf den Keks, dass deine Kinder mit ihren schmutzigen Fingern, die eben noch bis zum zweiten Gelenk in beiden Nasenlöchern waren, alle Brötchen auf dem Brunchbuffet angrabbeln. Ich hab keine, deswegen sitze ich hier und trinke seelenruhig Latte Macchiato. Du hast welche, also trink deinen Latte aber vergiss deine Brut dabei nicht.

Wann ist es bei euch soweit?
Was soll denn bitte soweit sein? Urlaub ist im Oktober und Februar, Weihnachten wie bei dir am 24.Dezember und Zalando schrieb in der Versandbestätigung Dienstag zwischen 10 und 12 Uhr. Ich versteh die Frage nicht. Ach so, du willst wissen wann ich endlich ein Kind bekomme? Tja, warte – lass uns doch gemeinsam erstmal meinen Menstruationskalender studieren. Vielleicht interessiert der dich auch.

Steht dir aber gut!
Folgt meistens direkt, wenn man nach Spruch 2 nicht den Mumm hatte, einfach NEIN zu sagen. Ich weiß, dass mir das steht. Mir stehen auch Highheels und gekämmte Haare. Die Spuckwindel und der Kotzfleck auf der Brust stehen dir aber auch unfassbar gut.
  
 Wenn du mal alt bist, wirst du seeehr einsam sein. 
Hmm, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Wenn ich heute bewusst kinderlos lebe, weil ich in der Lage bin, meiner Existenz auch ohne Hausbesetzer in Gummizughosen einen Sinn zu geben, warum sollte ich das mit 75 nicht auch können?

 Im Alter freust du dich über deine Enkelkinder.
Warum sollte ich das tun? Wenn ich heute keine Fettfinger an meiner Glastür haben möchte, dann möchte ich das wahrscheinlich auch mit 60 nicht. Zu guter Letzt bin ich vielleicht froh, dass die Kinder nach dem Studium endlich Kohle für eine eigene Einraumwohnung haben, ohne am Fünfzehnten des Monats Geld bei mir schnorren zu müssen, kann das Kinderzimmer endlich zum Yoga-Tempel oder BDSM-Kämmerchen umfunktionieren und dann wollen sie acht Jahre später womöglich ein Gästezimmer fürs Enkelchen? No way. Übrigens: Enkelkatzen sind auch was Tolles. Die kann auch mal der Nachbar füttern.


Du musst deinen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Denk doch mal an die Renten!
Muss ich das? Leistet doch bitte ihr einen Betrag für die Gesellschaft im Jetzt und erzieht eure Kinder zu mündigen und selbstbestimmten Erwachsenen, die im Bus ihre siffigen Sneakers nicht auf dem Sitz ablegen. Das Geld, welches ich spare in dem ich mich gegen die kleinen Finanzbremsen entscheide, investiere ich in sinnvolle Altersvorsorge und alle werden glücklich. Wie? Erziehen ist gar nicht so einfach? (Oder wahlweise Spruch 3) Seht ihr, deswegen habe ich keine Kinder.

Kinder geben einem so viel zurück.  
Ja, schimmlige Brotbüchsen, teilkaskorelevante Schäden am geborgten Kleinwagen, alle fünf Tage vier Körbe Schmutzwäsche und halbjährlich einen Stapel nicht unterschriebene Mathekontrollen mit Viererschnitt.

 Man weiß erst was Liebe ist, wenn man Kinder hat.
Ist das so? Ich möchte behaupten, die Ausmaße meiner Selbstliebe übersteigen locker das nach Abzug von Schlafmangel, Edding auf der Ledercouch und schmerzenden Dellen in Form von Legosteinen in den Fußballen verbleibende Gefühl wahrer Liebe.


Ihr lieben Übermamis, tut unseren Geschlechtsgenossinnen und ihren potenten Kindermachern ohne Mitspracherecht den Gefallen und tätowiert nicht nur die Wand hinter eurem Sofa mit dem Motto „Leben und leben lassen“. Lasst den glücklichen Kinderlosen ihren Spaß. Es gibt genug andere Muttis, die sich liebend gern mit euch duellieren im Kampf um Muttermilch, Hirsebrei und Sandförmchen aus Bio-Plastik. 

Shitstorm Ahoi. Am liebsten auf Facebook.

Mittwoch, 9. August 2017

Pimp my vagina: Von Kamelfüßen und Minzmuschis



Vorweg: Alle Produkte und Maßnahmen, die ich im Folgenden erwähne, existieren und sind käuflich zu erwerben. Ich habe nichts erfunden, auch wenn es der Grad der Absurdität zuweilen vermuten lässt. Die Mühe, den ganzen Kram allerdings zu verlinken, habe ich mir erspart. Man muss die Verbreitung dieser fragwürdigen Konsumgüter nicht noch unterstützen.

Ich weiß gar nicht so genau, was mich zu diesem Artikel inspiriert hat. Vermutlich ist es der Ausdruck Muschitand, ein zusammengesetztes Substantiv aus dem umgangssprachlichen Begriff Muschi und dem etwas altertümlichen Wort Tand als Synonym für alles Hübsche aber Unnütze, welches ich heute spontan erfand und für die Nachwelt konservieren wollte.

Keine Ahnung ob mittlerweile einfach alle Möpse aufgepolstert und Knie geliftet sind oder ob irgendeine Influencerin mit einer Followerzahl im 750K-Bereich ihre Muschi auf Instagram gepostet hat – jedenfalls avanciert die Mumu, Vulva, Vagina oder auch das Intimchen, wie eine gute Freundin ihre äußeren Geschlechtsorgane gerne nennt, zunehmend zum neuen It-Piece. Meine Oma nannte „sie“ übrigens Veronika…

Wie auch immer: unsere Veronikas oder Muschis scheinen ein Problem zu haben. Während man früher auf den Hals einer Frau schaute weil dieser beim tatsächlichen Alter des vermeintlichen Schneewittchens nie log, kucken heutzutage scheinbar alle zuerst auf die Vagina. Zu braun, zu labberig, zu schrumplig – weiß der Geier. Aber sie kucken nicht nur, sie riechen und sie schmecken sogar. Früher warnte uns Dr. Sommer vor Intim-Deos, heute diskutieren einschlägige Frauenmagazine Glitzerkapseln für untenrum. 

Ein bisschen Minzaroma oder vielleicht eine exotische Vanillenote beim Cunnilingus gefällig? Während mir die gustatorische Optimierung des Oralverkehres noch entfernt einleuchtet, bleiben diese Glitzerbömbchen in Form eines Vaginalzäpfchens ein Rätsel. Wofür bitte? Damit der Mann nach dem Lecken aussieht als hätte er Heavy Petting mit Olivia Jones gehabt? Oder er nach dem Geschlechtsverkehr dank der Glitzerpartikelchen eine schicke Harnröhrenentzündung ausprägt und das One-Night-Stand mit der stylischen Disco-Vulva garantiert so schnell nicht vergisst? Was, wenn im Zuge dieses schillernden Aktes gar ein Kind entsteht? Kommt es zur Welt und sieht aus wie Lady Gaga oder Prince? 

Ich kann mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen. Oder lasse ich meinen Intimbereich gar nur für mich erstrahlen, genauso wie ich nur für mich Bauchmuskeltraining mache und Highheels trage? Damit ich, immer wenn ich zum Klo gehe, die Hufspur eines Babyeinhorns in meinem Schlüppi entdecke? Fragen über Fragen. Das erinnert an diese schräge Pantychallenge, bei der vor einiger Zeit viele Frauen Bilder ihres blitzsauberen Zwickels ins Netz stellten. Wahrscheinlich sind daraufhin diese Glitzerkapseln entstanden. Vorher gab es die ja nur zum Schlucken. Hurra, ich bin ein Einhorn. Ich kann Sternchen kotzen. Ganz zu schweigen von dem kosmischen Glanz, der mein Hinterteil verlässt. Meine Antwort auf diese abstruse Schlüpferchallenge wäre ja die Paperchallenge gewesen. Frauen posten ihr blütenweißes Toilettenpapier und treten damit den Beweis an, dass echte Ladys nicht kacken. Höchstens in Regenbogenfarben oder Metallic. Tja, Sachen gibt’s…

Der neueste Schrei ist übrigens Highlighter für den perfekten Glow – an einem Ort der selten Licht sieht, welches von einer verfeinerten Hautoberfläche reflektiert werden könnte. Eine Creme, die mit wertvollen Inhaltsstoffen Veronikas Haut verjüngen, straffen und erstrahlen lassen soll. Die Kosmetik für eine perfekte Vulva ist nichts für den schmalen Geldbeutel. Einst erkannte man an der vornehmen Blässe die gut betuchte Frau, heute am strahlenden Teint ihrer Schamlippen. Blässe ist übrigens das Stichwort. In der Post-Baywatch-Ära wurde Bräune dank Sonnenbank-Chantals Dauerkarte erneut zum Unterschichtsindikator. Wer sich abgrenzen will probiert es mit Bleaching für die Vagina. Für ein strahlend weißes… äh… Lächeln. Da muss man bzw. Frau schon oft unten ohne bei Blitzlichtgewitter aus dem Auto steigen und in die Kameras strahlen damit sich diese Investition amortisiert.

Während also in der Vorstadt Ronny seinen Golf mit Riffelblechfussmatten und EdHardy-Schonbezügen tuned um ihn sicher von den restlichen Vehikeln der Supermarkt-Parkplatzgang unterscheiden zu können und sich dabei zumindest etwas privilegierter fühlt, traktiert seine Freundin Trixi ihre Schleimhäute mit Swarowskielements, nachdem sie den Untergrund für optimale Reflexion des Regenbogenspektrums aufgehellt hat. Möglich machts das Internet und ein diskreter Versand per Containerschiff aus Fernost. Inhaltstoffe entsprechen selbstverständlich internationalen Standards und wurden ausgiebig an Rhesusäffchen getestet. Ob die jetzt auch einen strahlenden Glow haben? Nur die Packungsbeilage kann niemand entziffern, der nicht an der Waldorfschule in der Mandarin-AG war. Trixi ist das egal, sie sucht nach einem Youtube-Tutorial für Vaginalbleaching, findet nur eins für Analbleaching. Ist aber nicht schlimm, kommt ja aufs Gleiche raus. Menschen sind merkwürdig.

Was der Glow und Glitzer für die Ottonormalfrau ist, ist die Labienplastik für die mutigen Ladys mit dem entsprechenden Kontostand.
Früher wollte man ein Stupsnäschen. Heute sollte es schon eine Brötchenmuschi sein. Richtig. Hab ich neulich erst gelesen. Laut – Achtung:UMFRAGEN! – hat die perfekte Vagina die Form eines Brötchens. Äääh, ja. Ich lass das jetzt mal so stehen und kämpfe mit der Auslage des Bäckers meines Vertrauens im Kopfkino. Ich werde wohl nie wieder Brötchen essen können. Und ich dachte Papayas und Plattpfirsiche hätten etwas obszönes. Ganz abgesehen davon verbinde ich mit Brötchen Trockenheit und Krümel. Nichts was eine Muschi auszeichnen sollte. Ich möchte meinen Intimbereich lieber mit einem weichen, süßen und saftigen Gebäckstück assoziieren. Vielleicht ein Plunderteilchen oder ein Cupcake?


Wie ist das eigentlich. Geht man mit dem Bild einer Vulva zum Arzt und fordert: Die hätte ich gerne? Kursieren im Internet vielleicht Bilder von Promi-Muschis und die potentielle Kundin des Schönheitschirurgen sagt: Ich hätte gerne die Vagina von Miley Cyrus. 
Ladys, ist das euer Ernst?

Für alle, die sich keinen chirurgischen Eingriff leisten können, gibt es übrigens auch im Schritt Rettung in Form von Plastik und Silikon. Kennt ihr den Cameltoe? Zu deutsch Kamelzehe. Unter den einfachen Leuten sagen wir „Muschi frisst Hose“. Ich denke spätestens jetzt weiß jeder was gemeint ist. Und nun Obacht. Es gibt so eine Art „Kamelfuß-Prothesen“ , nein nicht für die ehemaligen Kettenraucher unter den Höckertieren, sondern für alle Damen, die ihr Brötchen mit der Öffentlichkeit teilen wollen, denen aber die Hosennaht wahrscheinlich zu sehr in der Ritze scheuert. 
Also Fakemuschi drangebaut und schon läuft es mit den Freigetränken. Der Effekt ist wohl ähnlich wie bei diesen Fake-Nippeln zum Ankleben. Ich frag mich nur, was das über die Männer aussagt, die auf sowas anspringen. Wurden die womöglich nie gestillt?

Bei diesen ganzen Polster-Shaping-Bauchweg-Mopshoch-Teilen, die sonst noch so kursieren, stellt man sich ja gerne den Aha-Moment beim ekstatischen "Kleider vom Leib reißen" zwischen Fast-Kopulierenden vor. Das Gesicht des Mannes, dem ein fleischfarbenes Stück Silikon in Form eines stilisierten Kamelfußes aus dem verheißungsvoll geöffneten Reißverschluss der Jeans entgegenfällt wird wohl unbezahlbar sein. Vermutlich kommt er dann vor lauter Schreck gar nicht erst in den Genuss der Glitzer-Mumu mit Zuckerwattegeschmack.

Als Gegenbewegung zum Trend Only a perfekt V is a good V gibt es übrigens unter anderem Vulva-Watching. Das sind Workshops (per se schon etwas abstoßendes aufgrund der geforderten sozialen Interaktion, egal ob es dabei um Percussion-Improvisation oder Geschlechtsteile geht), bei denen sich zwei fremde Frauen minutenlang ihre Vaginas zeigen ohne dabei zu reden, nur um im Anschluss ihre Empfindungen zu diskutieren. Wenn es darum geht, die Muschi aus den dunklen Tiefen der Höschen an die Öffentlichkeit zu holen, sage ich pauschal nicht nein. Ich habe da ja an anderer Stelle schon mal ein Plädoyer für den Penis geliefert. Mumu-Trinkhalme gibt es leider immer noch nicht, dafür allerdings Kettenanhänger und Ohrringe in Vulva-Form und Fan-Shirts für die Veronikas. Geschlechtsorgane machen Freude, also hört auf, sie zu verstecken. Bei allen absurden Situationen, in die ich mich bewusst begab oder in welche ich hinein geriet, bleibt so ein Beobachtungsworkshop allerdings das denkbar Utopischste für mich. Und das nicht nur, weil ich mit dieser fremden Frau später reden muss.

Tja, was bleibt mir noch zu sagen. Ich, als Besitzerin einer Vagina auf Werkseinstellung, wenn auch gebraucht, dafür aber scheckheftgepflegt, kann den Hype um Vaginaoptimierung nicht nachvollziehen. Ich weiß auch nicht so wirklich, ob diese ganzen Abgründe einer Gesellschaft, in der man im Winter in jedem Supermarkt frische Erdbeeren kaufen kann, der Aussöhnung aller Frauen mit dem was ihnen die Natur gegeben hat, wirklich zuträglich ist. 
Es ist wohl auch jenseits des Bauchnabels so wie in allen Bereichen unserer Gesellschaft: die gemäßigte Mitte verschwindet zwischen all jenen, für die nur eine zimtduftende Flora in pinkem Glitter akzeptabel ist und denen, die mit Mitte Dreißig ihre Vagina noch nie im Spiegel gesehen haben. 
Also lasst die Muschis Muschis sein.

Edit: Kurz vor der Veröffentlichung erreichte mich die wertvolle Information, dass Galläpfel, vereinfacht gesagt sowas wie Wespeneier, das bakterielle Gleichgewicht der Vagina nicht positiv beeinflussen und auch keine verengende Wirkung haben. Wer hätte das gedacht. Ein Hoch auf das Internet.
Die Lehrerin hat Muschi gesagt. 

Mittwoch, 2. August 2017

Frau Müller und die heißen Eisen: Meine Chakren stemmen keine Hanteln!



Bloggen hat einen enormen Vorteil: unter dem Vorwand der Recherche gelingt es einem immer wieder, die absurdesten Aktionen als Recherche vor der Welt und sich selbst zu rechtfertigen. Und als guter Autor überschreitet man zuweilen seine eigenen Grenzen. Nur für die geneigte Leserschaft...

Vorweg: es gibt ja bestimmte Weltbilder, die Menschen nach ihren Elementen einteilen. Ihr wisst schon, Erde, Wasser, Luft und so. Mein Element ist Sofa. Bedeutet: Bewegung, egal wo, ist grundsätzlich nichts, zu dem sich mein Körper ganz von allein hingezogen fühlt. Jetzt nützt es ja nix, auch wenn ich Expertenmeinungen gerne selbstgerecht in Frage stelle: eines hat mich mein Leben mit dem Jojo-Effekt gelehrt – ganz ohne Leibesertüchtigung ist es schwierig den eigenen Körper in Stand zu halten.

Vor etwa zehn Jahren habe ich Yoga für mich entdeckt. Hier bitte, da habt ihr ein Klischee. Die Lehrerin macht Yoga. Für mich als Sofa-Mensch steht bei dieser Form sich zu bewegen, das Verhältnis zwischen Anstrengung und Effektivität genau im richtigen Gleichgewicht. Außerdem bin ich beim Yoga auch in der Gruppe mit mir allein. Wenn ich nicht möchte, muss ich mit niemandem reden. Wunderbar. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Kürzlich überredete mich meine beste Freundin Sarah dazu, doch mal eine Probestunde in ihrem Fitnesskurs zu besuchen. Hm, denke ich: Hallo Tellerrand, dann mach ich das doch mal. 

„Komm doch mal mit zum Hot-Iron“ sagte sie immer dann, wenn ich an meinem Innenschenkelfett herumnörgelte.
„Muss ich da beide Arme und beide Beine gleichzeitig koordinieren? Das kann ich nämlich nicht!“ gab ich als Einwand zu bedenken.
„Nein!“, antwortete sie (ein bisschen hatte sie gelogen, wie sich im Nachhinein rausstellte). 
„Muss ich mich rhythmisch zu Musik bewegen? Das kann ich nämlich auch nicht!“ – der Kampf war noch nicht verloren.
„Nein!“ antwortete sie abermals und log erneut. 
„Okay, ich sag dir gleich: ich habe weder Kraft noch Ausdauer.“ Immerhin galt es, keine falschen Erwartungen zu schüren.
„Kein Ding, antwortete sie, du kannst ja langsam anfangen.“ Dabei rechnete sie nicht mit meinem Ehrgeiz.

„Ich hab dich mal zum Probetraining angemeldet“ war das nächste. Zwei Tage später saß ich schon auf dem Hinweg im Auto, verfluchte mich selbst für meine Entscheidung und fügte Fitnesskurse gedanklich meiner Liste der Orte hinzu, die Misanthropen meiden sollten. 
Der Fairness halber: es handelte sich beim Austragungsort weniger um ein Fitnessstudio im klassischen Sinne als vielmehr um irgendwas Eklektisches, zusammengesetzt aus Praxis, Physio und Mehrzweckraum. Also nix Ergometer und schweißschillernde Narzissten. Immerhin.
Als erstes zahlte ich 1,50€ für einen knappen Liter Wasser aus einem profanen Wasserhahn. Ganz schöne Preise für den Kubik-Liter Wasser haben die hier in der Nachbarkleinstadt. „Nein“, klärt mich Sarah auf, "das ist speziell gefiltert." Aaaaha. Der Verzehr von mitgebrachtem Wasser ist nicht gestattet. Ich kann mir das jetzt kaum erklären aber irgendwas wehrt sich in mir, das zu verstehen. Wie auch immer, wer schwitzt muss trinken und auch wenn die Probestunde kostenlos ist, das Wasser ist es nicht. Vielleicht kann ich ja ab morgen mit Tieren sprechen oder Farben schmecken. Ich gebe dem Zauberwasser eine Chance.

Während wir im gesellig-gesprächigen Grüppchen (ich nicht!) darauf warten, dass die Menschen, welche uns eine Stunde lang den gleich notwendigen Sauerstoff aus dem Trainingsraum geatmet haben, die Arena verlassen, höre ich von oben Trainergeschrei und Musik. Ich unterdrücke den Fluchtreflex erfolgreich. Das Gefühl ähnelt diesem "Was hab ich mir nur dabei gedacht" wenn die Achterbahn anfährt.

Man baut also auf: Steppdings, Matten, Hantelstangen, Gewichte – ein Equipment als würde man mit dem A-Team einen improvisierten Hubschrauber zusammenschustern wollen. Was dann folgt ist eine reichliche Stunde rhythmische Kniebeuge, Bankdrücken und anderes Hantelgefuchtel. Sarah neben mir mit riesigen Gewichten und diesen Handschuhdingern, die Gewichtheben professionell aussehen lassen und vermutlich ihre zarten Lady-Hände vor Schwielen schützen sollen.

Ich gebe zu: ich rülpse ab und zu laut, kann sehr ordinär fluchen, weiß wie man mit nem Fuchsschwanz umgeht, habe eine Wand unseres ehemaligen Badezimmers provisorisch gefliest und mochte noch nie Seifenopern aber wenn es um Hanteln – also Langhanteln – geht, dann bin ich eine Lady. Wenn mein Auftrag ‚Ölwechsel bei einem Traktor' gewesen wäre, dann hätte ich mich vermutlich genauso deplatziert gefühlt.

Das Tragen von Turnschuhen bei diesem Hantel-Popmusik-Inferno hat wahrscheinlich Gründe, die man spätestens versteht wenn einem das erste Gewicht über den  kleinen Zeh gerollt ist. Für mich - den überzeugten Yogi -  fühlt sich Leibesertüchtigung mit Schuhen an wie Sex mit Socken. Irgendwie nicht richtig.

Diese ganze Gewichte-Stemmerei findet zu allem Übel noch vor einem riesigen Spiegel statt. Klar. Ich geh zum Sport um meinen schwabbelnden Körper beim Schwabbeln zuzugucken. Das ist fast so angenehm wie Umkleidekabinen bei H&M. 
Ich habe mich früher beim Schulsport auf dem Schwebebalken immer sehr grazil gefühlt. Bis mir meine burschikose Sportlehrerin immer wieder Dreien gab. Mein sportliches Selbst wurde mit jedem weiteren „Befriedigend“ systematisch demontiert. In der Turnhalle von damals gab es eben keine überdimensionierten Spiegel, die mein trügerisches Körpergefühl mit der Reflexion unbarmherziger Realität erdeten.

Die Trainerin war objektiv betrachtet nett. Subjektiv betrachtet hasse ich JEDEN, der mir bei körperlicher Anstrengung Motivation von außen zuzuführen versucht. Da mache ich auch vor Familienmitgliedern nicht halt. Herr Müller kennt das und nimmt mein „Halt die Fresse!“ nicht persönlich, wenn wir einmal im Jahr zusammen laufen gehen. Ich bin lieber allein mit mir wenn ich mich anstrenge. 

Genauso ist es mit Lob. Geht mir auf den Nerv. Schlimm. Fürs erste Mal machst du das echt toll. Ach fickt euch doch. Ich bin Lehrer! Ich weiß, dass fast jedes Lob eine Lüge oder zumindest nur hübsch verkleidete äußere Motivation ist. Könnt ihr behalten. Lasst mich - ich kann das. Bin schon groß. Ich motiviere mich selbst. Oder eben nicht.

Der Zauber ist vorbei nach einer Entspannung am Schluss, die dem Yogi in mir alle Chakren erschüttert. Während sich die restliche Gruppe gegenseitig wieder sehr abstoßend motiviert indem alle ihre gesteigerten Gewichte in eine große Flipchart-Tabelle eintragen, kuckt mich Sarah erwartungsvoll an, nicht ohne ein anerkennend-freundschaftliches „Du hast dich echt gut angestellt“. „Das hier hat für mich den Spaßfaktor von Laufen gehen.“ Mehr muss ich Sarah nicht sagen, sie hasst Joggen genauso wie ich. Damit ist alles gesagt.

Was soll ich sagen: ich spreche dem Training seine Effektivität nicht ab. Die Treppen zum Umkleideraum runter fühlen sich meine Beine wie nahe zur Querschnittslähmung an, meine Füße gleichen denen der bösen Königin aus Schneewittchen am Ende des Märchens. In den darauffolgenden Tagen habe ich den Muskelkater meines Lebens, der mich nahezu erwerbs- nein – bewegungsunfähig macht. Nachts kann weder Herr Müller noch ich selbst schlafen, da ich bei jeder Bewegung vor lauter Schmerzen laut aufstöhne. Beim Aufstehen oder Aussteigen aus dem Auto wirke ich wie eine Wöchnerin mit schlecht verheiltem Dammriss. 

Aber: ist es wirklich besser sich FÜR den Körper zu quälen, den man sich wünscht als sich MIT dem Körper zu quälen, den man hat? Wasser, welches erst durch neuseeländsiches Vulkangestein gefiltert und dann mit den Tränen jungfräulicher Albino-Zebras veredelt wurde, kann mir die Sache auch nicht schmackhaft machen. Trainerinnen mit militärischem Grundton erwarten mich schon täglich hinter der Tür der Chefetage und dieses Hantelding… ich glaube irgendwann würde ich mich selbst oder wen anderes damit ernsthaft verletzen.

Als wir gehen, empfiehlt mir Sarah noch am selben Abend ein basisches Bad zu nehmen um dem Muskelkater vorzubeugen. Tue ich nicht. Ich muss ja schließlich erstmal das Erlebte verbloggen. Vielleicht nehme ich Sarah irgendwann mal mit zum Yoga, danach interviewe ich sie zu ihren Eindrücken und mache auch einen Artikel daraus. Das wird sicher unterhaltsam. 

ob ihr noch mehr als nur das Element SOFA mit mir teilt.