Lehrer sind auch nur Menschen. Und nicht jeder trifft sich abends mit Kolleginnen abwechselnd zum Nordic Walking oder zum Fortgeschrittenenkurs in Seidenmalerei. Ich denke ich bin das Kuckucksei im Lehrerzimmer. Etwa wie ein Veganer, der ausversehen Metzger geworden ist oder ein Pilot mit Höhenangst. Oder wie eine Franzi van Almsick, die immer wieder vom Schwebebalken fällt weil sie noch nie jemand ins Wasser geschubst hat.

Mittwoch, 9. August 2017

Pimp my vagina: Von Kamelfüßen und Minzmuschis



Vorweg: Alle Produkte und Maßnahmen, die ich im Folgenden erwähne, existieren und sind käuflich zu erwerben. Ich habe nichts erfunden, auch wenn es der Grad der Absurdität zuweilen vermuten lässt. Die Mühe, den ganzen Kram allerdings zu verlinken, habe ich mir erspart. Man muss die Verbreitung dieser fragwürdigen Konsumgüter nicht noch unterstützen.

Ich weiß gar nicht so genau, was mich zu diesem Artikel inspiriert hat. Vermutlich ist es der Ausdruck Muschitand, ein zusammengesetztes Substantiv aus dem umgangssprachlichen Begriff Muschi und dem etwas altertümlichen Wort Tand als Synonym für alles Hübsche aber Unnütze, welches ich heute spontan erfand und für die Nachwelt konservieren wollte.

Keine Ahnung ob mittlerweile einfach alle Möpse aufgepolstert und Knie geliftet sind oder ob irgendeine Influencerin mit einer Followerzahl im 750K-Bereich ihre Muschi auf Instagram gepostet hat – jedenfalls avanciert die Mumu, Vulva, Vagina oder auch das Intimchen, wie eine gute Freundin ihre äußeren Geschlechtsorgane gerne nennt, zunehmend zum neuen It-Piece. Meine Oma nannte „sie“ übrigens Veronika…

Wie auch immer: unsere Veronikas oder Muschis scheinen ein Problem zu haben. Während man früher auf den Hals einer Frau schaute weil dieser beim tatsächlichen Alter des vermeintlichen Schneewittchens nie log, kucken heutzutage scheinbar alle zuerst auf die Vagina. Zu braun, zu labberig, zu schrumplig – weiß der Geier. Aber sie kucken nicht nur, sie riechen und sie schmecken sogar. Früher warnte uns Dr. Sommer vor Intim-Deos, heute diskutieren einschlägige Frauenmagazine Glitzerkapseln für untenrum. 

Ein bisschen Minzaroma oder vielleicht eine exotische Vanillenote beim Cunnilingus gefällig? Während mir die gustatorische Optimierung des Oralverkehres noch entfernt einleuchtet, bleiben diese Glitzerbömbchen in Form eines Vaginalzäpfchens ein Rätsel. Wofür bitte? Damit der Mann nach dem Lecken aussieht als hätte er Heavy Petting mit Olivia Jones gehabt? Oder er nach dem Geschlechtsverkehr dank der Glitzerpartikelchen eine schicke Harnröhrenentzündung ausprägt und das One-Night-Stand mit der stylischen Disco-Vulva garantiert so schnell nicht vergisst? Was, wenn im Zuge dieses schillernden Aktes gar ein Kind entsteht? Kommt es zur Welt und sieht aus wie Lady Gaga oder Prince? 

Ich kann mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen. Oder lasse ich meinen Intimbereich gar nur für mich erstrahlen, genauso wie ich nur für mich Bauchmuskeltraining mache und Highheels trage? Damit ich, immer wenn ich zum Klo gehe, die Hufspur eines Babyeinhorns in meinem Schlüppi entdecke? Fragen über Fragen. Das erinnert an diese schräge Pantychallenge, bei der vor einiger Zeit viele Frauen Bilder ihres blitzsauberen Zwickels ins Netz stellten. Wahrscheinlich sind daraufhin diese Glitzerkapseln entstanden. Vorher gab es die ja nur zum Schlucken. Hurra, ich bin ein Einhorn. Ich kann Sternchen kotzen. Ganz zu schweigen von dem kosmischen Glanz, der mein Hinterteil verlässt. Meine Antwort auf diese abstruse Schlüpferchallenge wäre ja die Paperchallenge gewesen. Frauen posten ihr blütenweißes Toilettenpapier und treten damit den Beweis an, dass echte Ladys nicht kacken. Höchstens in Regenbogenfarben oder Metallic. Tja, Sachen gibt’s…

Der neueste Schrei ist übrigens Highlighter für den perfekten Glow – an einem Ort der selten Licht sieht, welches von einer verfeinerten Hautoberfläche reflektiert werden könnte. Eine Creme, die mit wertvollen Inhaltsstoffen Veronikas Haut verjüngen, straffen und erstrahlen lassen soll. Die Kosmetik für eine perfekte Vulva ist nichts für den schmalen Geldbeutel. Einst erkannte man an der vornehmen Blässe die gut betuchte Frau, heute am strahlenden Teint ihrer Schamlippen. Blässe ist übrigens das Stichwort. In der Post-Baywatch-Ära wurde Bräune dank Sonnenbank-Chantals Dauerkarte erneut zum Unterschichtsindikator. Wer sich abgrenzen will probiert es mit Bleaching für die Vagina. Für ein strahlend weißes… äh… Lächeln. Da muss man bzw. Frau schon oft unten ohne bei Blitzlichtgewitter aus dem Auto steigen und in die Kameras strahlen damit sich diese Investition amortisiert.

Während also in der Vorstadt Ronny seinen Golf mit Riffelblechfussmatten und EdHardy-Schonbezügen tuned um ihn sicher von den restlichen Vehikeln der Supermarkt-Parkplatzgang unterscheiden zu können und sich dabei zumindest etwas privilegierter fühlt, traktiert seine Freundin Trixi ihre Schleimhäute mit Swarowskielements, nachdem sie den Untergrund für optimale Reflexion des Regenbogenspektrums aufgehellt hat. Möglich machts das Internet und ein diskreter Versand per Containerschiff aus Fernost. Inhaltstoffe entsprechen selbstverständlich internationalen Standards und wurden ausgiebig an Rhesusäffchen getestet. Ob die jetzt auch einen strahlenden Glow haben? Nur die Packungsbeilage kann niemand entziffern, der nicht an der Waldorfschule in der Mandarin-AG war. Trixi ist das egal, sie sucht nach einem Youtube-Tutorial für Vaginalbleaching, findet nur eins für Analbleaching. Ist aber nicht schlimm, kommt ja aufs Gleiche raus. Menschen sind merkwürdig.

Was der Glow und Glitzer für die Ottonormalfrau ist, ist die Labienplastik für die mutigen Ladys mit dem entsprechenden Kontostand.
Früher wollte man ein Stupsnäschen. Heute sollte es schon eine Brötchenmuschi sein. Richtig. Hab ich neulich erst gelesen. Laut – Achtung:UMFRAGEN! – hat die perfekte Vagina die Form eines Brötchens. Äääh, ja. Ich lass das jetzt mal so stehen und kämpfe mit der Auslage des Bäckers meines Vertrauens im Kopfkino. Ich werde wohl nie wieder Brötchen essen können. Und ich dachte Papayas und Plattpfirsiche hätten etwas obszönes. Ganz abgesehen davon verbinde ich mit Brötchen Trockenheit und Krümel. Nichts was eine Muschi auszeichnen sollte. Ich möchte meinen Intimbereich lieber mit einem weichen, süßen und saftigen Gebäckstück assoziieren. Vielleicht ein Plunderteilchen oder ein Cupcake?


Wie ist das eigentlich. Geht man mit dem Bild einer Vulva zum Arzt und fordert: Die hätte ich gerne? Kursieren im Internet vielleicht Bilder von Promi-Muschis und die potentielle Kundin des Schönheitschirurgen sagt: Ich hätte gerne die Vagina von Miley Cyrus. 
Ladys, ist das euer Ernst?

Für alle, die sich keinen chirurgischen Eingriff leisten können, gibt es übrigens auch im Schritt Rettung in Form von Plastik und Silikon. Kennt ihr den Cameltoe? Zu deutsch Kamelzehe. Unter den einfachen Leuten sagen wir „Muschi frisst Hose“. Ich denke spätestens jetzt weiß jeder was gemeint ist. Und nun Obacht. Es gibt so eine Art „Kamelfuß-Prothesen“ , nein nicht für die ehemaligen Kettenraucher unter den Höckertieren, sondern für alle Damen, die ihr Brötchen mit der Öffentlichkeit teilen wollen, denen aber die Hosennaht wahrscheinlich zu sehr in der Ritze scheuert. 
Also Fakemuschi drangebaut und schon läuft es mit den Freigetränken. Der Effekt ist wohl ähnlich wie bei diesen Fake-Nippeln zum Ankleben. Ich frag mich nur, was das über die Männer aussagt, die auf sowas anspringen. Wurden die womöglich nie gestillt?

Bei diesen ganzen Polster-Shaping-Bauchweg-Mopshoch-Teilen, die sonst noch so kursieren, stellt man sich ja gerne den Aha-Moment beim ekstatischen "Kleider vom Leib reißen" zwischen Fast-Kopulierenden vor. Das Gesicht des Mannes, dem ein fleischfarbenes Stück Silikon in Form eines stilisierten Kamelfußes aus dem verheißungsvoll geöffneten Reißverschluss der Jeans entgegenfällt wird wohl unbezahlbar sein. Vermutlich kommt er dann vor lauter Schreck gar nicht erst in den Genuss der Glitzer-Mumu mit Zuckerwattegeschmack.

Als Gegenbewegung zum Trend Only a perfekt V is a good V gibt es übrigens unter anderem Vulva-Watching. Das sind Workshops (per se schon etwas abstoßendes aufgrund der geforderten sozialen Interaktion, egal ob es dabei um Percussion-Improvisation oder Geschlechtsteile geht), bei denen sich zwei fremde Frauen minutenlang ihre Vaginas zeigen ohne dabei zu reden, nur um im Anschluss ihre Empfindungen zu diskutieren. Wenn es darum geht, die Muschi aus den dunklen Tiefen der Höschen an die Öffentlichkeit zu holen, sage ich pauschal nicht nein. Ich habe da ja an anderer Stelle schon mal ein Plädoyer für den Penis geliefert. Mumu-Trinkhalme gibt es leider immer noch nicht, dafür allerdings Kettenanhänger und Ohrringe in Vulva-Form und Fan-Shirts für die Veronikas. Geschlechtsorgane machen Freude, also hört auf, sie zu verstecken. Bei allen absurden Situationen, in die ich mich bewusst begab oder in welche ich hinein geriet, bleibt so ein Beobachtungsworkshop allerdings das denkbar Utopischste für mich. Und das nicht nur, weil ich mit dieser fremden Frau später reden muss.

Tja, was bleibt mir noch zu sagen. Ich, als Besitzerin einer Vagina auf Werkseinstellung, wenn auch gebraucht, dafür aber scheckheftgepflegt, kann den Hype um Vaginaoptimierung nicht nachvollziehen. Ich weiß auch nicht so wirklich, ob diese ganzen Abgründe einer Gesellschaft, in der man im Winter in jedem Supermarkt frische Erdbeeren kaufen kann, der Aussöhnung aller Frauen mit dem was ihnen die Natur gegeben hat, wirklich zuträglich ist. 
Es ist wohl auch jenseits des Bauchnabels so wie in allen Bereichen unserer Gesellschaft: die gemäßigte Mitte verschwindet zwischen all jenen, für die nur eine zimtduftende Flora in pinkem Glitter akzeptabel ist und denen, die mit Mitte Dreißig ihre Vagina noch nie im Spiegel gesehen haben. 
Also lasst die Muschis Muschis sein.

Edit: Kurz vor der Veröffentlichung erreichte mich die wertvolle Information, dass Galläpfel, vereinfacht gesagt sowas wie Wespeneier, das bakterielle Gleichgewicht der Vagina nicht positiv beeinflussen und auch keine verengende Wirkung haben. Wer hätte das gedacht. Ein Hoch auf das Internet.
Die Lehrerin hat Muschi gesagt. 

Kommentare:

  1. JETZT... bin ich verstört! :D

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  2. Auf Twitter geteilt, U made my day Schwarzbuch Verlag

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  3. Prust! Ich hatte ja keine Ahnung (und bin froh d'rum;)) Danke für diese Erheiterung.

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  4. Darüber habe ich neulich schon was auf Facebook gelesen und in "Embrace" kam das Thema auch schon vor.
    Also ich habe mich schon mal gefragt, ob mein Freund meine Mumu schön findet etc.
    Aber ich käme nie auf die schwachsinnige Idee sie chirurgisch verändern zu lassen oder zu bleichen oder zu schminken.
    Die ticken doch nicht mehr ganz richtig und diese ganzen Challenges wie die DIN A 4 Blatt Challenge etc. finde ich total krank.
    In anderen Ländern werden Frauen im Genitalbereich verstümmelt und andere kämpfen dafür, dass sowas nicht mehr praktiziert wird, da lass ich mich dich nicht auch noch da operieren.
    Echt dieser ganze Äußerlichkeitswahn, alles hübsch einheitlichund perfekt geht mir so auf den Keks.
    Leben und leben lassen.
    Ich werde mich weder für einen Mann noch für andere Frauen derart verrückt machen.
    Liebe Grüße Aletheia

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  5. Ganz großes Tennis, vielen Dank für diesen erheiternden Beitrag :)

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